Siezt du noch oder duzen Sie schon?

Kommunikation im Zahnarztpraxisteam zwischen Nähe und Professionalität
Die Frage, wie sich Mitglieder eines zahnärztlichen Teams untereinander ansprechen – „Du“ oder „Sie“ – ist weit mehr als ein sprachliches Detail. Sie berührt die Praxiskultur, Hierarchien, Führungsstil und das Wohlbefinden im Team. Gleichzeitig reflektiert sie, wie Professionalität und Nähe miteinander ausbalanciert werden können.

Erstellt: 25.05.2026

Aktualisiert: 11.05.2026

Illustration von zwei Praxismitarbeiterinnen Anna und Frau Dr. Vogel, die sich anschauen und peinlich berührt sind. Im Hintergrund die Worte Siezen, Duzen, Es ist kompliziert. Letzeres ist angekreuzt.
© Mit KI erstellt – stock.adobe.com

In Deutschland hat die formelle Anrede „Sie“ historische Wurzeln und gilt traditionell als Ausdruck von Respekt, Höflichkeit und professioneller Distanz. Gerade im medizinischen Kontext, wo Entscheidungen oft mit großer Verantwortung verbunden sind, erscheint das „Sie“ vielen als sicherer Anker für einen respektvollen Umgang. Die klassische Höflichkeitsform schafft eine klare Struktur, bis sich ein persönlicheres Verhältnis entwickelt hat.

Gleichzeitig ist das „Du“ gerade in jüngeren Generationen und in modernen Arbeitskontexten längst kein Fremdwort mehr. In vielen Unternehmen jenseits des Gesundheitswesens – etwa bei Start-ups oder global agierenden Firmen – ist es Standard und wird als Ausdruck flacher Hierarchien, Offenheit und Teamgeist verstanden. Diese Entwicklung wirkt auch auf zahnärztliche Praxisteams ein.

Nähe vs. professionelle Distanz

Das „Du“ kann Hemmschwellen abbauen, die Kommunikation erleichtern und das Wir-Gefühl stärken. Mitarbeitende fühlen sich wahrgenommen, Kolleginnen und Kollegen sprechen Probleme oder Ideen oft schneller an und der Teamzusammenhalt kann gestärkt werden. In stressigen Situationen – etwa bei Zeitdruck oder unerwarteten Herausforderungen im Praxisalltag – kann diese Vertrautheit dazu beitragen, schneller und offener zu kommunizieren.

Doch eine Duz-Kultur allein macht kein gutes Team. Wichtiger als das Pronomen ist die respektvolle und klare Kommunikation. Praxisteams erleben gute Zusammenarbeit bei beiden Anredeformen. Entscheidend ist die gelebte Haltung hinter der Anrede: Wie wird miteinander umgegangen, wie werden Konflikte adressiert, wie werden Rückmeldungen gegeben?

Team und Patientenkontakt

Ein wichtiges Thema ist die Einführung einer Anredekultur trotzdem. Studien aus dem Bereich Organisationspsychologie zeigen, dass Mitarbeitende häufig keine auferlegte Regelung bevorzugen, sondern die Freiheit, im Einzelfall zu entscheiden, was sie wünschen. Eine starre Du- oder Sie-Vorschrift wird weniger positiv bewertet als eine Praxis, die individuelle Präferenzen berücksichtigt.

Das bedeutet für zahnärztliche Teams: Eine klare, transparente Kommunikation über die gewünschte Anredeform sollte Teil des Onboardings neuer Mitarbeitender sein. Vorab induzierte Erwartungshaltungen vermeiden Irritationen und schaffen Raum für persönliche Präferenzen. Die Praxisleitung hat hier eine Vorbildfunktion: Ob flache Hierarchien oder klare Grenzen gewahrt werden sollen, entscheidet sich nicht allein über die Anrede, sondern durch konsequente, wertschätzende Führung.

Im Gegensatz zur internen Teamkommunikation gilt im Patientenkontakt in Deutschland nach wie vor überwiegend das „Sie“ – zumindest bei erwachsenen Patientinnen und Patienten. Das schafft eine professionelle Distanz, die im Gesundheitswesen vielfach gewünscht wird und als Teil der Patientenbeziehung verstanden wird. Ein spontanes Duzen von Patientinnen oder Patienten kann irritieren und sollte deshalb sensibel und situationsabhängig eingesetzt werden.

  • Existierende Teamkultur bewusst machen: Vor der Diskussion über Anredeformen sollte geklärt werden, wie sich Mitarbeitende aktuell fühlen und welche Erwartungen bestehen.
  • Transparente Regeln definieren: Eine Praxisrichtlinie, die klare, aber flexible Rahmenbedingungen zur Anrede festlegt, schafft Orientierung.
  • Freiwilligkeit und Respekt: Niemand sollte gezwungen werden, das „Du“ anzunehmen; die individuellen Grenzen sind zu achten.
  • Kontextabhängigkeit berücksichtigen: Zwischen Teaminteraktion, Führungssituation und Patientenkontakt sollte differenziert gedacht werden.
  • Vorbildfunktion wahrnehmen: Führungskräfte prägen die Kommunikationskultur maßgeblich – durch eigenen Sprachgebrauch und durch gelebte Wertschätzung.

Auf den Punkt gebracht

„Siezt du noch oder duzen Sie schon?“ ist mehr als ein Wortspiel. Die persönliche Anrede ist ein Ausdruck von Haltung, führt aber nicht per se zu einem wertschätzenden Teamklima. Entscheidend bleibt, wie Offenheit, Respekt und Professionalität im Praxisalltag gelebt werden. Eine bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Kommunikationskultur kann nicht nur das Teamgefühl stärken, sondern sich auch positiv auf Zusammenarbeit und effiziente Abläufe in der Praxis auswirken.

Nadja Ebner, KZV Nordrhein

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