Praxisübernahme auf dem Land: „Begegnung auf Augenhöhe und Beständigkeit – das sind die Schlüssel“

Ein unbekannter Ort, eine bestehende Praxis und ein Patientenstamm, der über Jahrzehnte gewachsen ist: Wer sich als Zahnarzt dort niederlässt, muss zuerst Vertrauen gewinnen. Wie das gelingt, erzählt Peter Matthiesen. Der gebürtige Mainzer ist seit 2023 Praxisinhaber in Korschenbroich und spricht über seinen Weg vom angestellten Zahnarzt zum Inhaber. Das Interview führte Patrick Deckers, KZV Nordrhein

Erstellt: 01.06.2026

Aktualisiert: 11.05.2026

Peter Matthiesen zur Praxisgründung auf dem Land mit dem Zitat „Man entscheidet sich nicht nur für eine Praxis, sondern auch für einen Ort und die Menschen.“
© Patrick Deckers – KZV Nordrhein

Herr Matthiesen, Sie sind in Mainz geboren, in Kleve aufgewachsen und haben in Hannover studiert. Wie landet man dann ausgerechnet in einer Zahnarztpraxis in Korschenbroich?

Peter Matthiesen: Eigentlich eher zufällig. Nach dem Studium und einer anschließenden Anstellung in Hannover wollte ich relativ schnell zurück nach Nordrhein-Westfalen. Übergangsweise zog ich zu meiner Schwester nach Mönchengladbach. Dort habe ich eine Stelle gesucht und mich bei einer Zahnärztin beworben – sie hatte aber keinen Bedarf und hat meine Bewerbung an ihren Mann weitergeleitet. Das war Dr. Jansen, der damals diese Praxis führte. Er hat mich angerufen und so bin ich 2017 hier gelandet.

Kannten Sie Korschenbroich vorher überhaupt?

Matthiesen: Nein, ehrlich gesagt nicht. Grevenbroich kennt man vom Namen her, aber Korschenbroich war für mich tatsächlich ein weißer Fleck auf der Landkarte.

Sie sind zunächst als angestellter Zahnarzt gestartet – in einer Praxis, die Ihr Vorgänger über Jahrzehnte geführt hatte. Wie haben die Patientinnen und Patienten auf Sie reagiert?

Matthiesen: Zum Glück sehr entspannt. Die Patienten waren es gewohnt, dass es neben Dr. Jansen auch angestellte Zahnärzte gibt. Ich habe damals einen Kollegen abgelöst, der nach Düsseldorf gewechselt ist, und dessen Patienten übernommen. Später, vor allem während der Corona-Zeit, kamen nach und nach auch viele Patienten von Dr. Jansen dazu. Somit war das ein schleichender Prozess, die meisten Patienten kennenlernen zu können.

Wann entstand bei Ihnen der Gedanke, die Praxis einmal selbst zu übernehmen?

Matthiesen: Am Anfang gar nicht. Als ich 2017 angefangen habe, war ich offiziell nicht als Nachfolger vorgesehen. Dr. Jansen hat die Praxis zunächst Kolleginnen angeboten, die schon länger im Team waren. Erst später kam er auf mich zu. Für mich war das eine glückliche Situation, weil ich das Team und auch den Ort über mehrere Jahre kennenlernen konnte, bevor ich die Praxis 2023 übernommen hatte.

Sie hatten also Zeit zu prüfen, ob Sie sich dort langfristig sehen.

Matthiesen: Genau. Man entscheidet sich ja nicht nur für eine Praxis, sondern auch für einen Ort und die Menschen dort.

Gab es einen Moment, in dem Sie gemerkt haben, dass Praxis, Ort und Menschen genau zu Ihnen passen?

Matthiesen: Das kam über die Jahre ganz automatisch. Ich bin am Niederrhein aufgewachsen, und ich finde, dass die Menschen in Kleve und in Korschenbroich sich in ihrer Art sehr ähnlich sind. Viele Begegnungen haben einfach direkt gepasst. Irgendwann merkt man dann: Das könnte langfristig funktionieren.

Was ist aus Ihrer Sicht entscheidend, wenn ein neuer Zahnarzt in eine kleinere Stadt oder Gemeinde kommt?

Matthiesen: Ob man menschlich miteinander klarkommt. Die fachliche Qualität können die meisten Patienten gar nicht beurteilen. Aber wenn jemand freundlich ist und sich Zeit nimmt, dann funktioniert das in der Regel gut.

Darüber hinaus ist in Regionen wie dieser hier das gesprochene Wort noch viel Wert. Wenn also der Nachbar oder der Bekannte sagt: „Da kannst du hin gehen“, dann hat das schon Gewicht. Am Ende ist es dann natürlich doch wieder die Medizin, denn wenn die Hälfte nach dem Besuch Schmerzen hat, wird man natürlich auch nicht empfohlen.

Welche Rolle spielt bei dem Start in die Selbständigkeit das Praxisteam?

Matthiesen: Eine ganz zentrale. Ohne ein stabiles Team geht gar nichts. Wir haben Mitarbeiterinnen, die schon zu Zeiten meines Vorgängers hier gearbeitet haben. Eine Kollegin hat sogar ihre Ausbildung noch bei ihm gemacht und ist bis heute hier. Solche Menschen sind Gold wert und geben der Praxis und mir die Möglichkeit, sich gesund weiterzuentwickeln. Für die Patienten bedeutet das zudem Kontinuität.

Wie wichtig ist der erste Eindruck – etwa am Empfang – damit sich die Patientinnen und Patienten wohlfühlen?

Matthiesen: Sehr wichtig. Die Rezeption ist meistens der erste Kontaktpunkt für die Patienten. Wenn man dort freundlich empfangen wird und in eine gepflegte Praxis kommt, fühlt man sich gleich gut aufgehoben.

Außerdem ist vielen Patienten wichtig, dass sie nicht jedes Mal ein neues Gesicht an der Rezeption oder eben am Behandlungsstuhl sehen. Wir arbeiten deswegen bewusst nach einem festen Patienten-Behandler-Konstrukt. Nur wenn ich krank bin oder Urlaub habe, springt meine Kollegin ein und andersherum.

Sind Sie auch außerhalb der Praxis im Ort aktiv, etwa in Vereinen, um im Ort präsent zu sein?

Matthiesen: Leider weniger. Nach Feierabend fahre ich meistens direkt zu meiner Familie, da geht es mehr darum, dass die Kinder in einen Verein kommen. Aber natürlich kann es helfen, neue Türen zu öffnen, im Ort präsent zu sein, etwa über Vereine oder lokale Projekte.

Wie lange dauert es Ihrer Erfahrung nach, bis echtes Vertrauen bei Patientinnen und Patienten entsteht?

Matthiesen: Das ist sehr unterschiedlich. Mit manchen Menschen passt es sofort. Wir haben beispielsweise eine neue Patientin, die Würmer für Angstpatienten häkelt, mit ihr harmonierte es ab Sekunde eins. Mit anderen klappt das vielleicht nie – das ist völlig normal. Die meisten Beziehungen entwickeln sich aber Schritt für Schritt.

Wichtig sind aus meiner Sicht zwei Dinge: Begegnung auf Augenhöhe und Beständigkeit, das sind die Schlüssel, denn darauf legen die Patienten hier großen Wert.

Haben Sie bewusst Strategien entwickelt, um Vertrauen aufzubauen?

Matthiesen: Eigentlich nicht. Ich bin der Meinung, dass man einfach so sein sollte, wie man ist. Wenn man sich verstellt, müsste man diese Rolle ja über Jahrzehnte aufrechterhalten – das wäre ungesund. Entweder es passt oder eben nicht.

Welchen Rat würden Sie jungen Kolleginnen und Kollegen geben, die überlegen, sich in einem Ort niederzulassen, zu dem sie vorher keinen Bezug hatten?

Matthiesen: Ich würde empfehlen, sich die Praxis und den Ort vorher genau anzuschauen. Für mich war es ideal, mehrere Jahre angestellt zu sein und dann zu übernehmen. So konnte ich hinter die Kulissen schauen und wusste, worauf ich mich einlasse.

Es braucht aber niemand Sorge davor haben, keinen Patientenstamm aufbauen zu können. Gerade in ländlichen Regionen sind die Menschen sehr dankbar, wenn sich neue Zahnärztinnen und Zahnärzte niederlassen.

Viele junge Zahnärzte haben heute Respekt vor der Selbstständigkeit.

Matthiesen: Das kann ich verstehen. Die Bürokratie ist umfangreich und der Fachkräftemangel eine Herausforderung. Aber ich würde mir wünschen, dass mehr Kolleginnen und Kollegen den Mut haben, sich niederzulassen. Die eigenen vier Wände zu gestalten und eine Praxis langfristig zu entwickeln, ist schon etwas Besonderes und Erfüllendes.

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