Präsident der Zahnärztekammer Nordrhein Dr. Ralf Hausweiler, Foto von Jochen Rolfes

Was hat sich bei den Aligner-Start-ups getan?

Bei der Kammerversammlung im Juni 2021 übte Kammerpräsident Dr. Ralf Hausweiler scharfe Kritik an Aligner-Start-ups. Ein Jahr später resümiert er in einem Interview, was die Kammer seitdem gegen die Anbieter unternommen hat.


Herr Dr. Hausweiler, bei der Kammerversammlung im vergangenen Sommer haben Sie die Geschäfte der Aligner-Start-ups kritisiert. Was ist seitdem passiert?

Dr. Ralf Hausweiler Wir sind das Problem auf verschiedenen Ebenen angegangen. Zunächst haben wir eine Mitgliederinformation an alle nordrheinischen Zahnärztinnen und Zahnärzte versendet, um auch wirklich jeden Kammerangehörigen gezielt zu diesem Thema aufzuklären. Darin haben wir deutlich gemacht, warum wir selbst eine Kooperation von Zahnärztinnen und Zahnärzten mit Aligner-Start-ups für berufsrechtlich unzulässig halten und dass sogar strafrechtliche Risiken bestehen können.

Gleichzeitig haben wir Gespräche mit den Aligner-Start-ups, aber jeweils auch intensiv mit Vertretern aus dem Gesundheits- und Wirtschaftsministerium in NRW sowie dem Gesundheitsministerium des Bundes geführt, um ihnen unsere rechtliche Auffassung deutlich zu machen.

Wir sind aber auch konkret tätig geworden. Dies in erster Linie im Rahmen der Berufsaufsicht gegenüber Kammerangehörigen. Zudem haben wir Fälle zur Weiterbearbeitung an die Staatsanwaltschaft gegeben, und wir sind auch an das Gewerbeaufsichtsamt der Stadt Düsseldorf herangetreten, damit dieses die Klinikkonzession der Deutschen Zahnklinik in Düsseldorf überprüft. Diese dient maßgeblich als vermeintliche Legitimation des DrSmile-Konstruktes. Auch haben wir die Bezirksregierung Düsseldorf und die KZV Nordrhein im Rahmen der dortigen Zuständigkeiten informiert.

 

Welche Erfolge konnte die Zahnärztekammer Nordrhein erreichen?

Dr. Hausweiler Erste Anbieter haben sich inzwischen wieder vom Markt zurückgezogen, was wir als großen Erfolg unserer Arbeit werten. Auch haben viele Kammerangehörige Abstand von einer Zusammenarbeit mit den Start-ups genommen. Darüber hinaus haben wir viele geschädigte Patienten unterstützen können. Außerdem konnten wir Vertretern der Politik und nicht zuletzt auch die Kollegenschaft für das Thema sensibilisieren, sodass inzwischen ein deutlich größeres Bewusstsein dafür herrscht, dass Zahnmedizin nicht zum Gewerbe werden darf. Insbesondere die Verbraucherzentralen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen haben unser Anliegen mit sehr kritischen Stellungnahmen unterstützt.

 

Ein großer Wettbewerbsvorteil der Start-ups sind die groß angelegten Werbekampagnen für ihre Produkte. Was tut die Zahnärztekammer Nordrhein dagegen?

Dr. Hausweiler Um auch die Öffentlichkeit über das Problem und vor allem die Gefahren infolge einer Behandlung bei den Aligner-Start-ups aufzuklären, sind auch wir in die Öffentlichkeit gegangen. Und das mit einer sehr guten Resonanz: Viele Medien – beispielsweise der NDR, die Rheinische Post oder das Handelsblatt – haben das Thema und vor allem unsere Kritik aufgenommen und darüber berichtet. Der Radiosender 1Live hat den Aligner-Start-ups und unserer Kritik sogar einen Thementag gewidmet: Im Laufe des Tages liefen mehrere Beiträge im Radio, zudem gab es auch eine Berichterstattung bei Facebook und Instagram. Das ist insoweit ein großer Erfolg für uns, weil 1Live mit seiner jungen Hörerschaft auch die Zielgruppe der Aligner-Start-ups erreicht. Die zentrale Botschaft des Thementags war: Eine Aligner-Behandlung sollte nur in Zahnarztpraxen durchgeführt werden.

 

Wenn es so viel Kritik an dem Angebot der der Start-ups gibt: Warum dürfen die Unternehmen noch immer ihre Geschäfte betreiben?

Dr. Hausweiler Ich kann es immer noch nicht verstehen, dass diese Anbieter mitten in Deutschland agieren können, obwohl dies unseres Erachtens so rechtlich nicht zulässig ist. Wir haben zwar bei unseren Gesprächen mit der Politik – unter anderem in den Wirtschafts- und Gesundheitsministerien von Bund und NRW – viel Zustimmung erhalten, doch jetzt müssen auch Taten folgen. Wir sind auf die Unterstützung von Politik und Justiz angewiesen, um diesen Geschäftsmodellen endgültig ein Ende bereiten zu können. Und wir werden nicht lockerlassen, bis wir dieses Ziel erreicht haben. Leider finden sich auch immer wieder Zahnärzte, die mit den Start-ups zusammenarbeiten.

 

Wie sehen die nächsten Schritte aus?

Dr. Hausweiler Wir setzen auch weiterhin auf eine Zusammenarbeit mit Staatsanwaltschaft, Wettbewerbszentrale, Politik und Verbraucherzentralen. Zudem führen wir die Verfahren der Berufsaufsicht fort und erwägen weitere rechtliche Schritte. Ich bin also zuversichtlich, dass wir damit den Geschäftsmodellen der Anbieter Einhalt gebieten können. Dabei möchte ich auch noch einmal wiederholen, was ich bereits in der Kammerversammlung gesagt habe: Zahnheilkunde darf nicht zum Gewerbe werden und gehört auch nicht in einen Kiosk.


Foto: Jochen Rolfes

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