Alles, nur kein Geschlechterkampf

Im Rahmen unserer Serie über aktive Frauen in der Standespolitik stellte sich die Zahnärztin Christine Stramm aus Mönchengladbach den Fragen von Dr. Stephan Kranz. Frau Stramm ist Mitglied des FVDZ Bezirksvorstands in Krefeld und der Regionalinitiative in Mönchengladbach. Die zweifache Mutter gründete dort im Jahr 2000 einen Stammtisch für Zahnärztinnen, obwohl oder gerade weil sie Gegnerin der Frauenquote ist.

Frau Stramm, Sie sind seit vielen Jahren berufspolitisch aktiv, was hat Sie dazu bewogen?

Das war eine langsame Entwicklung und oftmals wurde ich von netten Kollegen in die richtige Richtung geschubst. Als ich nach dem Staatsexamen meine erste Stelle antrat, hatte ich an Berufspolitik noch kein Interesse und auch keine Berührungspunkte. Damals fand ich das langweilig. 

Auf Empfehlung meines Chefs bin ich dann in unsere Regionalinitiative eingetreten. Die Arbeit dort hat mich von Anfang an beeindruckt, da sie praktische und handfeste Vorteile für alle Kollegen bringt.

 

Sie haben dann aber selbst einen Stammtisch für Zahnärztinnen gegründet. Warum war Ihnen das so wichtig? Fühlten Sie sich als Frau unterrepräsentiert? Ist etwa eine Quote, wie von einigen Verbänden gefordert, Ihrer Meinung nach angebracht?

Dieser Frauenstammtisch sollte keine Gegenveranstaltung zur lokalen Initiative sein. Und ich bin absolut gegen eine Frauenquote in der Berufspolitik. Ich denke, die Zeiten des Geschlechterkampfes sind vorbei. Es gibt viele tüchtige Frauen, die berufspolitisch aktiv sind. Meiner Meinung nach sollten Kompetenz und Engagement entscheiden, nicht das Geschlecht. 

Wir erlauben eine offene Diskussion unter Kolleginnen. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass wir überwiegend die gleichen Sorgen und Probleme haben, wie unsere männlichen Kollegen. Die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und auch Berufspolitik kommt jedoch dazu.

 

Sie haben sich lange Zeit gelassen, bis Sie berufspolitisch wirklich aktiv geworden sind. Was hat Sie bewogen, mehr in diese Richtung zu gehen?

Ich war gerade Mutter geworden, hatte mich frisch niedergelassen und war ehrenamtlich im Vorstand zweier Kindertagesstätten tätig. Da hätte ich beim besten Willen keine Kapazitäten mehr gehabt. 

Das ist typisch für viele Frauen in der Berufspolitik. Wir steigen später ein, da kommt erst die Familie. 

Nachdem dann meine Kinder beide in der Schule waren, wurde mir das Angebot gemacht, im Beirat der regionalen Initiative aktiv zu werden. Seitdem bin ich dabei. Etwas später bekam ich auch noch die Möglichkeit, im Bezirksvorstand des Freien Verbandes mitzuarbeiten.

 

So sind Sie also in einer überregionalen Berufspolitik angekommen. Was passiert denn da?

Der Freie Verband macht eine gute und wichtige Basisarbeit. Ich fühle mich dort wohl, und die Kollegen sind supernett. Es ist ein gutes Team und Teil eines guten Teams zu sein, ist immer etwas Positives. Dazu kommt der nähere Bezug zu Kammer und KZV. Da kann man mehr bewirken.

 

Wie schaffen Sie das zeitlich neben Beruf und Familie?

Der Zeitaufwand kann einen anfangs überwältigen. Man muss sich gut organisieren. Ich suche mir die Gruppen selber nach Interessen und Fähigkeiten aus. Es macht viel Freude, etwas zu bewegen und am Ende ein Ergebnis zu sehen.

 

Sie hätten mit der neu gewonnenen Freizeit auch anderes anfangen können. Warum ausgerechnet Berufspolitik?

Ihre Frage klingt, als sei das ein Hobby, das man gewählt hat. Aber so ist es nicht. Berufspolitik ist eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe und eröffnet die Möglichkeit, das eigene Arbeitsumfeld für sich selbst und alle anderen Kollegen zu gestalten und zu verbessern. Es ist sehr bedeutend, ein Gegengewicht zu all den Kräften zu haben, die uns das Berufsleben schwermachen, damit auch die jungen Zahnärztinnen und Zahnärzte noch gerne und auskömmlich in diesem Beruf arbeiten können.

Berufspolitik macht auch Spaß. Die hier aktiven Kolleginnen und Kollegen tun dies in der Regel unentgeltlich und schlagen sich oft die Abende in den verschiedensten Gremien um die Ohren. Es entstehen viele, auch freundschaftliche Bande. Die überwiegende Mehrheit ist sehr nett und sozial hochkompetent. Es geht durch alle Altersgruppen. Wir haben erfahrene Mitstreiter, die bereits im Rentenalter sind, und junge, frisch von der Uni. Man ist nicht immer einer Meinung und es gibt auch harte Auseinandersetzungen, aber immer sachlich, denn gemeinsam versucht man, den optimalen Weg zu finden.

Und auch wenn es manchmal mühsam ist, weil uns von Seiten der Politik starker Widerstand entgegensteht, erreichen wir etwas. Ein Beispiel ist die Verlängerung der Validierungsintervalle für unsere Thermodesinfektoren von einem auf zwei Jahre. Hierfür haben sich viele Kollegen eingesetzt und am Ende haben wir es erreicht. Es ist ein beachtlicher Teilerfolg, durchgesetzt auch gegen massiven lndustrielobbyismus. Das wird die Praxen an der Basis sehr entlasten. Es ist befriedigend, dass man selbst einen winzigen Teil dazu beigetragen hat.

Dabei muss man auch mal unsere Zahnärztekammer und die KZV loben. Die Spieße zwischen Berufspolitik und Industrie oder Versicherungswirtschaft sind, finanziell gesehen, leider nicht gleich lang. Dennoch können wir punkten, weil wir kompetente Leute in unseren Institutionen haben. Auch dies ist ein gutes Argument gegen Quoten. Es muss immer der oder die Geeignetere einen Posten bekleiden, damit wir weiterhin gute Erfolge sehen. 

Generell ist Berufspolitik nicht nur das, was im Rheinischen Zahnärzteblatt für alle sichtbar ist. Dahinter stehen ganz viele Gremien, Initiativen und engagierte Menschen, die von der Basis leider oft nicht wahrgenommen werden, wie zum Beispiel unsere Notdienstreferenten oder Kreisvereinigungsobleute. Doch ohne sie würde es nicht funktionieren. Berufspolitik braucht eine breite Basis, dann bewegt sie auch etwas.

 

Was würden Sie den jungen Kollegen und Kolleginnen zum Abschluss mit auf den Weg geben?

Traut Euch! Berufspolitik macht Spaß und ist keinesfalls langweilig. Ihr werdet Teil eines Teams, das viel bewegt. Traut Euch, etwas zu sagen! Denn die Zukunft, die heute gestaltet wird, gehört Euch morgen. Schon deshalb ist es wichtig, dass Ihr sie aktiv mitgestaltet.

 

Dr. Stephan Kranz / Christine Stramm

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Leute, die darüber sprechen

  • Elke Meurer

    Sehr schöner Artikel, mutmachend für junge Kolleginnen und Kollegen!

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  • Dirk Erdmann

    :) Tolle Kollegin, sehr guter Beitrag!

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