„Ich kann das – auch wenn ich noch Zweifel habe“
Warum Selbstvertrauen für Zahnärztinnen der Schlüssel zur Praxisgründung ist – und wie Frauen lernen können, sich und ihre Fähigkeiten sichtbar zu machen.
Eine eigene Praxis zu gründen – das ist für viele Zahnärztinnen ein großer Schritt. Was dabei oft fehlt, ist nicht Fachwissen oder Können, sondern der Glaube an die eigene unternehmerische Kraft. Britta Cornelißen vom COACHINGLAB745 beantwortet im Gespräch mit Alexandra Schrei Fragen rund um Selbstvertrauen, Gründung und das Mindset hinter dem Erfolg. Das Interview baut auf Cornelißens Vortrag am ZahnärztinnenTag der KZV Nordrhein, der am 29. März 2025 stattfand, auf.
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„Selbstvertrauen motiviert uns – und zeigt uns, dass wir Einfluss auf unser Leben haben“
Welche Rolle spielt Selbstvertrauen bei der Entscheidung, eine eigene Praxis zu gründen – und warum tun sich viele Frauen damit (noch) schwerer als Männer?
Selbstvertrauen ist ein zentraler Faktor bei der Entscheidung für die Selbstständigkeit – vor allem bei Zahnärztinnen. Viele Gründerinnen befinden sich in der Phase, in der auch Themen wie Familienplanung oder Vereinbarkeit stark präsent sind. Eine Praxisgründung bedeutet eine hohe Verbindlichkeit. Wenn Frauen gleichzeitig andere Verantwortlichkeiten tragen – etwa für Familie, Kinder oder Pflege –, ist es eine echte Herausforderung, Balance zu finden. Hinzu kommt: Studien zeigen, dass Männer rein biologisch durch einen höheren Testosteronspiegel tendenziell risikofreudiger sind. Das beeinflusst Entscheidungen wie: „Ich investiere jetzt – ich schaffe das!“ Bei Männern ist der Wunsch, sich mit einer eigenen Praxis zu etablieren, oft auch mit Prestige verbunden – es ist ein sichtbares Ziel. Bei Frauen hingegen überwiegt häufig der Zweifel – nicht weil sie weniger leisten, sondern weil sie weniger überzeugt davon sind, dass sie es können. Dieses Phänomen ist als Gender Confidence Gap bekannt. Dabei sind gesunde Zweifel sogar wichtig. Sie können uns in kreatives Denken bringen, uns helfen, Lösungen zu finden. Doch sie dürfen nicht in lähmendes „Ich schaffe das sowieso nicht“ kippen. Der Austausch mit erfahrenen Kolleginnen, Netzwerktreffen oder Mentoring können helfen, neue Perspektiven zu gewinnen. Selbstvertrauen entsteht durch Erfahrung – durch den Glauben: Ich bekomme das hin. Mit jeder Entscheidung, die wir aktiv treffen, wächst unser Selbstwert. Und der ist wiederum der Nährboden für weiteres Vertrauen in uns selbst.
„Du musst keine geborene Unternehmerin sein – du kannst es lernen“
Wie kann eine Zahnärztin lernen, an ihre unternehmerischen Fähigkeiten zu glauben – auch wenn sie nicht mit einem klassischen „Macherinnen-Mindset“ aufgewachsen ist?
Oft hört man: „Du brauchst nur das richtige Mindset.“ Aber was heißt das eigentlich? Der Begriff Mindset steht für unsere grundlegende Denkweise – vor allem darüber, wie wir mit Herausforderungen umgehen und was wir über unsere eigenen Fähigkeiten glauben. Viele von uns sind mit einem „Mixed Mindset“ aufgewachsen: Die Überzeugung, dass manche einfach „geborene Führungskräfte“ oder „Macherinnen“ sind – und andere eben nicht. Doch moderne Forschung zeigt: Das sogenannte Growth Mindset – also die Vorstellung, dass man durch Lernen, Übung, Fehler und Reflexion wachsen kann – ist entscheidend. Es geht nicht darum, alles sofort zu können, sondern darum zu sagen: „Ich kann es noch nicht – aber ich kann es lernen.“ Das beginnt im Kleinen: Wie spreche ich über mich selbst? Wie rede ich mit Kolleginnen und Kollegen über Herausforderungen? Es hilft, sich zu sagen: „Ich habe es noch nicht versucht – es kann gut werden.“ Denn unser Gehirn lässt sich tatsächlich trainieren wie ein Muskel.
„Mut zeigen – ohne sich dafür zu entschuldigen“
Woher kommt der Gedanke, dass Frauen sich „mehr trauen“ sollten – und wie realistisch ist es, als Zahnärztin mutig aufzutreten, ohne als „zu dominant“ wahrgenommen zu werden?
Dieser Spagat begleitet viele Frauen im Berufsleben: Mut zeigen – aber bitte nicht zu viel. Durchsetzungsfähig sein – aber trotzdem sympathisch. Die Gender Confidence Gap wirkt auch hier. Frauen erhalten häufiger den gut gemeinten Rat, sie sollten sich „einfach mehr trauen“ – oft von männlichen Vorgesetzten. Doch Mut wird bei Frauen anders bewertet als bei Männern. Während männliche Dominanz als Führungskompetenz gewertet wird, wirkt sie bei Frauen schnell „unsympathisch“ oder „zu hart“. Wissen ist hier Macht: Wenn ich verstehe, woher diese Mechanismen kommen, kann ich lernen, damit umzugehen. Eine faktenbasierte Haltung hilft. Wenn ich mein Studium mit Bestnoten abgeschlossen habe, ist das ein Erfolg – kein Angeben. Das sollte man sich bewusst machen. Gerade Frauen dürfen lernen, ihre Leistungen sichtbar zu machen und auszuhalten, dass es sich im ersten Moment ungewohnt anfühlt. Austausch mit Kolleginnen ist hier Gold wert: Wie habt ihr Hürden überwunden? Welche Strategien helfen euch? Sichtbarkeit ist kein Ego-Trip, sondern Inspiration. Netzwerke sind dafür der beste Ort – und auch männliche Kollegen können hier wichtige Unterstützer sein, indem sie Frauen sichtbar machen und fördern. Denn: Es gibt keine dummen Fragen – nur sichere Räume, in denen sie gestellt werden können.
„Erfolge feiern – auch die kleinen“
Inwiefern ist das Sichtbarmachen eigener Erfolge – ob in der Praxisführung, im Team oder im Umgang mit Patientinnen und Patienten – wichtig für das Selbstvertrauen im zahnärztlichen Alltag?
Im stressigen Praxisalltag ist oft keine Zeit, sich auf Erfolge zu konzentrieren. Dabei muss es nicht immer um große Umsatzzahlen gehen. Schon der Moment, wenn ich im Notdienst einem Patienten helfen konnte, gut ins Wochenende zu starten – das ist ein unmittelbarer Erfolg. Leider neigen wir dazu, solche Erlebnisse abzuhaken, weil das nächste To-Do wartet. Ein kurzes Innehalten vor Feierabend, eine positive Teamrunde am Freitag oder eine Reflexionsfrage im Wochenmeeting: Was ist diese Woche gut gelaufen? – das kann Wunder wirken. Denn psychologisch gesehen bleiben negative Erlebnisse leichter hängen als positive. Umso wichtiger ist es, die schönen Momente aktiv hervorzuheben. Auch das Einholen von Feedback kann das Selbstvertrauen stärken. Sei es im Team oder bei Patientinnen und Patienten: Wenn jemand sich gut aufgehoben fühlt und das mitteilt, darf das gefeiert werden. Und je mehr positive Emotionen wir erleben – Dankbarkeit, Freude, Stolz – desto besser können wir auch mit Frust und Rückschlägen umgehen. Die gute Nachricht: Wir können das aktiv fördern. Ein täglicher Rückblick à la „Was ist heute gut gelaufen?“ hilft, den Fokus zu verschieben. Denn wenn wir uns auf Gutes konzentrieren, wird es sichtbarer – und damit auch unser eigenes Wachstum.
Glücksübung Drei Gute Dinge
Tipp: Eine wirksame Übung, um schnell und effektiv positive Gefühle hervorzurufen, finden Sie auf der Website der TU Braunschweig.
Britta Cornelißen

Britta Cornelißen vom COACHINGLAB745 ist Wirtschaftspsychologin, Dozentin und Coaching mit Schwerpunkt auf Gleichstellung, Diversität, Female Empowerment und Positive Psychologie.
Das Interview führte Alexandra Schrei, KZV Nordrhein