Es läuft gut an – Dr. Lucie Reiss neu niedergelassen in Essen
Dr. Lucie Reiss, M.Sc. (geb. 1985 in Hannover), studierte in Göttingen Zahnmedizin und arbeitete nach dem Examen in Berlin und Essen als angestellte Zahnärztin, bevor sie sich 2025 im Essener Südviertel mit einer Praxis mit Schwerpunkt Endodontie niederließ. Ihre Leidenschaft gilt seit Jahren der Wurzelkanalbehandlung. Im Interview mit Dr. Uwe Neddermeyer berichtet Sie über Ihren Weg in die Selbstständigkeit.
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Erfahrungen während der Anstellung
Ich habe in kleinen und mittelgroßen Praxen ebenso gearbeitet wie in einer großen Zahnklinik und das gesamte Spektrum kennengelernt. Angestellte profitieren eindeutig davon, sich im Alltag stärker auf die Behandlung konzentrieren zu können und weniger Verwaltungsaufwand zu haben. Als Mutter habe ich das gesetzlich geregelte Stillbeschäftigungsverbot als Entlastung empfunden und stehe auch heute – als Selbstständige – zu diesen Vorgaben. Gleichzeitig wird deutlich, dass die Politik beim Thema Mutterschutz für Selbstständige seit Jahren versäumt, eine Regelung zu finden. Das hält viele Zahnärztinnen von einer frühzeitigen Niederlassung ab.
Mehr Normalität für selbstständige Mütter
Nicht alle waren im Laufe meiner Neugründung überzeugt, dass ich das Richtige mache. Aber ja, Familie und Praxisgründung sind gleichzeitig möglich! Vor allem wünsche ich mir mehr gesellschaftliche Normalität dafür, dass eine Mutter sich selbstständig macht, bitte ohne dafür erklärt, gefeiert oder bemitleidet zu werden. Ich möchte nicht als „dreifache Mutter, die trotzdem gründet“ gesehen werden, sondern als Zahnärztin, die gründet, weil sie etwas verändern will. Mir ist wichtig, weniger über Rollenbilder zu sprechen und mehr über Strukturen, deshalb finde ich Seminare wie „Mutter sein und selbstständig – wie geht das?” etwas schwierig, denn sie kaschieren systemische Probleme. Stellen Sie sich vor, es gäbe: „Vater sein und selbstständig – wie geht das?“ Mehr braucht man dazu nicht zu sagen!
Verlässliche Kinderbetreuung notwendig
Meine Kinder sind jetzt sechs, drei und ein Jahr alt. Ich habe einen modernen Ehemann, der viel Kinderbetreuung übernimmt. Aber einfach ist das deshalb für uns als Familie noch lange nicht. Es gibt strukturelle Versäumnisse bei der lückenlosen verlässlichen Kinderbetreuung und einer belastbaren Unterstützung für Gründerinnen. Zahnärztinnen sind nicht deshalb seltener selbstständig, weil sie das weniger wollen, sondern weil sie keine verlässliche Infrastruktur haben, um zu gründen. Oft wird das dann über „privates Kapital“ mit zusätzlicher Kinderbetreuung kompensiert. Das ist nicht weniger als ein riesiger Wettbewerbsnachteil für Frauen in Deutschland, ganz zu schweigen davon, dass es volkswirtschaftlich falsch ist.
Vorteile der Selbstständigkeit
Wer unternehmerisch denkt, merkt irgendwann, dass die Selbstständigkeit mehr Gestaltungsspielraum eröffnet. Für mich war der entscheidende Antrieb, eine Praxis aufzubauen, in der Atmosphäre, Abläufe und Behandlungskonzept exakt zu meiner Arbeitsweise passen. Mit drei kleinen Kindern ermöglicht mir die Selbstständigkeit zudem eine zeitliche Flexibilität, die im Angestelltendasein nicht immer möglich ist.
Tipps für eine Niederlassung
- Immobiliensuche früh beginnen! Geeignete Räumlichkeiten zu finden, war deutlich schwieriger als erwartet.
- Kosten realistisch kalkulieren, hart verhandeln und konservativ planen! Vom Bleistift bis zum Röntgengerät: Ein Businessplan braucht belastbare Zahlen, denn am Ende wird fast alles teurer. Dennoch war für mich die Beratung durch die Bank sehr wichtig, die die Finanzierung übernommen hat.
- Benötigt wird für größere Bau- und Umbauarbeiten ein erfahrener, seriöser Bauleiter. Wenn ich als Zahnärztin so arbeiten würde wie viele, auf die ich angewiesen war, dann würde mir – glaube ich – zurecht die Approbation entzogen. Man sollte sich nicht scheuen, ein Unternehmen auch mal zu wechseln.
- Gute Arbeitsbedingungen sind heute entscheidend für Personalgewinnung. Klimatisierung im Steri-Raum, klare Wege, Parkmöglichkeiten solche Details wirken stark nach innen und außen.
- Die laufenden Zahlen gehören regelmäßig auf den Tisch. Da wir zahnärztlich ausgebildet sind, nicht betriebswirtschaftlich, sollte man aber Experten einbeziehen und nie den Überblick verlieren.
- Die digitale Zahnmedizin ist unverzichtbar, aber die Realität der Digitalisierung besteht aus IT-Problemen, Systemausfälle etc. Suchen Sie sich einen wirklich guten und vor allem erreichbaren IT-Service.
- Aber vor allem: Familie und Praxisgründung sind gleichzeitig möglich! Trust the process! Zahnärztinnen sind top ausgebildet und die Patienten brauchen sie!
Kollegiales Gespräch, noch zeitgemäß?
Ich habe mein Neugeborenes im Kinderwagen geschoben und dabei aus Karteikarten gelernt – eigentlich ganz gemütlich, wenn man bei einer Neugründung nicht ganz andere Sachen zu tun hätte. Ich bin von der KZV-Abteilung sehr nett empfangen worden. Und in der Sitzung herrschte eine sehr freundliche Atmosphäre, auch wenn die Herren im Ausschuss etwas nervös schienen, weil ich mein kleines Baby mitgebracht hatte. Ein verpflichtendes Gründerseminar, das praxisnahe Themen wie rechtliche Pflichten, Abrechnung, Organisation, Hygiene etc. vermittelt, wäre aus meiner Sicht aber hilfreicher.
Kleine Praxis mit Schwerpunkt
Allen Unkenrufen zum Trotz bin ich der Meinung, dass kleinere Praxen eine gute Zukunft haben. Weil sie ein familiäres und sehr patientennahes Umfeld bieten. Gleichzeitig sehe ich eine wichtige Rolle für Praxen mit Schwerpunkt. Eine endodontologische Praxis wie meine ergänzt das bestehende System ideal. Es entsteht eine Win-Win-Situation: Patientinnen und Patienten profitieren von einer hochwertigen spezialisierten Versorgung – und die überweisenden Praxen gewinnen Zeit und Planungssicherheit für ihre eigenen Behandlungsschwerpunkte. Ich freue mich, dass es sehr gut anläuft und freue mich, dass mir bereits viele ihre Patientinnen und Patienten anvertrauen.
Die Endodontie wird immer komplexer: Was wir heute retten, war vor Jahren noch verloren, die Pulpa ist regenerierbarer als gedacht, KI guided DVTs werden Standard und die Füllmaterialien werden immer biokompatibler. Langfristig halte ich die Einführung des Fachzahnarztes für Endodontologie für folgerichtig.
Dr. Lucie Reiss

„Geeignete Räumlichkeiten zu finden, war deutlich schwieriger als erwartet.“
Dr. Lucie Reiss hat in Essen eine Praxis mit Schwerpunkt Endodontie gegründet.
Vielfältiges Engagement
Ich habe den Masters Alumni Clubs des zweijährigen Endodontie Masters an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf gegründet. Ich gebe regelmäßig Endodontie-Fortbildungen und Hands-on-Seminare und bin Key Opinion Leader bei einem internationalen Dentalunternehmen. Zurzeit nehme ich am Rising Stars Programm der Deutschen Gesellschaft für Endodontologie und zahnärztliche Traumatologie (DGET) teil. Es ist ein zweijähriges Mentorenprogramm zur Vorbereitung auf die Spezialistenprüfung.
Langfristig kann ich mir sehr gut vorstellen, für die standespolitischen Belange in der Zahnmedizin aktiv zu werden. Überall, wo ehrenamtliches Engagement gefragt ist, fehlt es ja leider an „Nachwuchs“. Wer aber verändern will, muss auch teilhaben. Neben einer zukunftsorientierten DGET liegt es mir am Herzen, das Umfeld für Gründungen für Kolleginnen zu verbessern.
Dr. Uwe Neddermeyer, KZV Nordrhein