Einsatz von KI in der Seniorenzahnmedizin

Wie kann Künstliche Intelligenz die zahnmedizinische Versorgung älterer Menschen verbessern? Im Interview erklärt Prof. Dr. Falk Schwendicke, einer der international führenden Experten für digitale Zahnmedizin, wie KI Screening, Diagnostik und Versorgung in Pflegeheimen effizienter, schonender und besser planbar machen kann – und welche Chancen, Grenzen sowie ethischen Fragen dabei eine zentrale Rolle spielen.

Erstellt: 23.02.2026

Aktualisiert: 10.02.2026

Röntgenbild eines Kiefers als Synonym für KI in der Seniorenzahnmedizin
© Martinesku – stock.adobe.com

Wie konkret kann KI in der zahnmedizinischen Versorgung von Seniorinnen und Senioren eingesetzt werden?

Grundsätzlich kann KI überall dort eingesetzt werden, wo sie auch in anderen Bereichen der Zahnmedizin bereits Anwendung findet – etwa in der Bildanalyse, der Basisdiagnostik oder in administrativen Prozessen. Der besondere Mehrwert in der Seniorenzahnmedizin liegt jedoch darin, Versorgung zu erleichtern, wenn Praxisbesuche schwierig oder nicht mehr möglich sind. Ziel ist es, den Aufwand für Patientinnen und Patienten ebenso wie für das Versorgungssystem insgesamt zu reduzieren. Telemedizinische Ansätze spielen dabei eine zentrale Rolle. Mithilfe digitaler Technologien können Vorabklärungen erfolgen, etwa durch die Auswertung von Bildmaterial und symptomorientierten Angaben. So lassen sich belastende Transporte und unnötige Praxisbesuche vermeiden, Prävention gezielter gestalten und aufsuchende Versorgungen besser planen.

Inwiefern kann KI dabei helfen, das zahnärztliche Screening und die Frühdiagnose bei älteren Menschen zu verbessern, die keine regelmäßigen Zahnarztbesuche mehr wahrnehmen können?

Ein zentraler Ansatz – derzeit noch überwiegend im Forschungs- und Entwicklungsstadium – ist der Einsatz von KI direkt in Pflegeeinrichtungen. Denkbar ist, Pflegeheime mit Intraoralkameras oder Scannern auszustatten, um einfache intraorale Bildaufnahmen zu ermöglichen. Ergänzend können Symptome systematisch erhoben werden. Moderne KI-Systeme, insbesondere große Sprachmodelle, sind inzwischen in der Lage, auch unstrukturierte Beschreibungen auszuwerten. Auf dieser Basis kann eine KI-gestützte Vorabbeurteilung helfen zu entscheiden, ob ein Zahnarztbesuch notwendig ist, wie dringlich er ist und welche Art der Versorgung zu erwarten ist.

Auch bei aufsuchenden zahnärztlichen Besuchen kann KI unterstützen. Ein Beispiel ist die KI-gestützte Mundschleimhautdiagnostik, die aktuell in Forschungsprojekten erprobt wird. Gerade bei älteren Menschen sind Schleimhautveränderungen oft schwer zu unterscheiden. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass KI hier die diagnostische Sicherheit erhöhen kann. So lässt sich besser entscheiden, ob eine weiterführende Abklärung in einem spezialisierten Zentrum erforderlich ist oder ob darauf verzichtet werden kann. Insgesamt trägt KI dazu bei, Diagnostik, Effizienz und Planbarkeit in der Seniorenzahnmedizin spürbar zu verbessern.

Welche ethischen und datenschutzrechtlichen Überlegungen müssen beim Einsatz von KI in der Seniorenzahnmedizin berücksichtigt werden?

Zunächst gelten auch hier die allgemeinen Anforderungen an Datenschutz und Datensicherheit, insbesondere im Rahmen der Datenschutz-Grundverordnung. Zentrale Fragen betreffen dabei, welche Daten erhoben werden, wohin sie übermittelt werden und wer sie gegebenenfalls weiterverarbeitet. In jedem Fall ist eine informierte Einwilligung der Patientinnen und Patienten notwendig. In der Seniorenzahnmedizin besteht eine besondere Herausforderung darin, dass viele ältere Patientinnen und Patienten zu den vulnerablen Gruppen gehören. Manche von ihnen sind krankheitsbedingt nicht mehr in der Lage, selbst wirksam in eine Behandlung einzuwilligen. Für die zahnärztliche Praxis stellt sich daher die wichtige Frage, wie eine rechtssichere Einwilligung eingeholt werden kann – zum Beispiel über gesetzliche Betreuerinnen und Betreuer oder über bevollmächtigte Angehörige. Diese Problematik ist aus Studien- und Forschungszusammenhängen bereits bekannt, gewinnt im Versorgungsalltag jedoch nochmals an Bedeutung. Hinzu kommen regulatorische Anforderungen, etwa durch europäische KI-Regelungen wie den EU AI Act, die die Hürden für eine praktische Implementierung erhöhen. Datenschutz, ethische

Verantwortung und rechtliche Rahmenbedingungen werden daher maßgeblich darüber entscheiden, wie und in welchem Umfang KI künftig in der Seniorenzahnmedizin eingesetzt werden kann.

Das Gespräch führten Verena Lehnen und Saskia Junge-Schmitz

Der 6. Tag der Seniorenzahnmedizin bietet praxisorientierte Einblicke und aktuelle Forschungsergebnisse zu den vielfältigen zahnmedizinischen Herausforderungen älterer Menschen. Verschiedene Experten – unter anderem auch Prof. Dr. Falk Schwendicke –  referieren über neuste Studien, wertvolle Erfahrungen und innovative Lösungen für eine bessere Mund- und Zahngesundheit im höheren Alter.

Entdecken Sie bei unserer interdisziplinären Fachtagung, wie Sie mit einer Mobilen Dentaleinheit die zahnmedizinische Behandlung bestmöglich bei Hausbesuchen oder in Pflegeheimen durchführen können – Hand in Hand mit der Pflege für eine bessere Versorgung älterer Patienten.

Weitere Informationen und die Möglichkeit zur Anmeldung finden Sie hier.

Schauen Sie auch gerne in unsere Termine!

Ähnliche Artikel:

Prof. Dr. Rainer Jordan, Vortragender beim 6. Tag der Seniorenzahnmedizin, hält ein Quintessenz-Dokument zur DMS-6-Studie in der Hand

Zahnärztekammer Nordrhein

Junge im Zahnarztstuhl, Früherkennungsuntersuchung beim Zahnarzt, Zahnärztliche Früherkennung im gelben U-Heft, Gelbes U-Heft

Kassenzahnärztliche Vereinigung Nordrhein

Im Hintergund der Ausschnitt einer Frau, Oberkörper. Eine Hand weist nach vorne. Im Vordergrund ist Text. Beratung, Lernen, Teamwork, Coaching, Potential, Helfen, Wissen, Ziel, Tipps, Coach, Optimierung

Zahnärztekammer Nordrhein